Leseprobe
Drei Kapitel, drei Leben
Aus jedem Teil des Buches ein Kapitel — der Aufbruch aus der DDR, die Ankunft in Indien, der Neuanfang im Westen.
Teil I · Weichenstellung
Ich bin dann mal weg
Rostock, 30. August 1971: Langsam glitt das Schiff in die Dunkelheit. Ein großes Schiff in eine noch größere Dunkelheit. An Bord waren alle Lichter gelöscht. Wir standen an Deck und sahen die Lichter der Stadt sich entfernen.
Eine lange Reise lag vor uns. Das Handelsschiff, auf dem wir als Passagiere mitreisten, war auf dem Weg nach Südostasien. Es würde Monate dauern, bis die MS Neubrandenburg wieder nach Rostock zurückkehrt. Für mich sollte es eine Reise ohne Rückkehr werden. Mir war das sehr willkommen; ich war bereit, in Indien ein neues Leben zu beginnen.
Wichtig war in diesem Moment nur eins: endlich dieses Land, mein bisheriges Leben, verlassen zu können. Alles würde anders werden! Und das war gut so.
Endlich wurde wahr, woran niemand hatte glauben wollen. Es geschah nicht sehr häufig, dass man in dem Land, dass ich im Begriff war zu verlassen, genau dieses gestattete.
Die leichte Wehmut, die ich verspürte, als das Schiff sich langsam von der Kaimauer löste und am Leuchtturm vorbeiglitt, schob ich von mir. Irgendwann würde ich zu Besuch in die alte Heimat fahren. Aber nur zu Besuch, niemals mehr zurück.
Ich hätte es damals nicht in Worte fassen können, aber dieses Bild des großen Schiffes, das sich langsam in die unendliche Weite des Meeres, in die Nacht schob, wurde zum Symbol meines Neuanfangs. So begann der Weg in mein neues Leben. Alles lag offen, aber im Dunkeln.
Noch war der Lotse an Bord, die letzte Verbindung zum Hafen, zur DDR. Als er Stunden später das Schiff verließ, waren wir auf offener See. Nun gab es kein Zurück.
Die erste Nacht auf See war unruhig. Die Maschinen stampften, das Schiff schlingerte, alles war fremd, laut. An Schlaf war nicht zu denken.
In der Koje gegenüber lag Sasha, mein Mann, tief schlafend. Die Rückreise auf dem Schiff war seine Idee. Zehn Jahre zuvor war er so in die DDR gekommen. Er, Sohn einer einflussreichen indischen Diplomatenfamilie, hatte sein Studium im Sommer beendet. Noch einmal einige Wochen frei sein, bevor der Ernst des Lebens beginnt, mit Ehefrau und später auch Kindern. So hatte er es erklärt.
Und ich, Tochter eines Schlossers und einer Stenotypistin, geboren 1949 nordöstlich von Berlin, stimmte zu…
Vor uns lagen Wochen auf See. Europa verschwand, Afrika zog an uns vorüber, und schließlich lag der Indische Ozean vor uns. …
Mein indischer Traum sah so aus: ein schönes Haus, Bedienstete, Saris und Schmuck. So hatte Sasha es mir beschrieben. Dass dieser Traum schon wenige Monate später Risse bekommen würde – hätte ich es ahnen müssen?
Wie wir uns kennengelernt haben – und was meine Ausreiseerlaubnis mit der russischen Revolution zu tun hat – das erzähle ich im ersten Teil meines Buches.
Teil II · Zwischenstopp
Namasté Memsahib
(Die ersten Kapitel meines Lebens in Indien habe ich mit meinen Briefen gestaltet.)
Meine Lieben zu Hause!
Einen Tag sind wir jetzt schon in Bombay und ich habe zwei Stunden Zeit, bevor wir zum Abendessen abgeholt werden. Es gibt so viel zu erzählen, dass ich gar nicht weiß, wo ich beginnen soll. Am besten mit unserer Ankunft gestern, am Freitag, den fünfzehnten Oktober.
Wir erreichten morgens gegen acht Uhr Bombay. Im Hafen war kein Platz zum Anlegen. Deshalb, so erklärte man uns, würden wir noch zwei Tage draußen auf Reede liegen. Das fanden wir blöd, denn nach sieben Wochen hatten wir das Schiffsleben satt. Besonders ich wegen Sashas Sauferei mit den Matrosen.
Von Tante war kurz nach dem Kap der Guten Hoffnung ein Telegramm gekommen, dass sie uns in Bombay abholt. In Colombo waren wir aber zehn Tage statt der geplanten fünf. Wir wussten also nicht, ob sie nun dort sein wird, und waren schon sehr nervös.
Doch wir konnten noch am Vormittag das Schiff verlassen, denn Tante schickte uns ein Boot. Welch ein Wunder, dass ich überhaupt mit Packen fertig war. Und das auch nur, weil Sasha und ich uns am Tag zuvor gezankt hatten. Dann habe ich immer eine richtige Wut, die ich in Arbeit umsetze, und alles geht ruckzuck.
Wir verabschiedeten uns schnell von den Leuten, die wir näher kennengelernt hatten, und mussten dann an einer wackeligen Strickleiter hinunter in das Motorboot. Ich bin fast gestorben vor Angst, denn es war ziemlich hoch. Unser Gepäck wurde mit einem Kran herabgelassen. Auch sehr aufregend, weil ja alles schaukelt.
Tante trafen wir im Zollgebäude. Schon eine Woche lang hatte sie in Bombay auf uns gewartet. Sie ist sehr süß, und wir wissen gar nicht, wie wir ihr das jemals danken sollen.
Durch den Zoll kamen wir glimpflich. Wir brauchten nichts zu bezahlen und wurden auch nicht durchwühlt. Der Zoll ist hier sonst sehr streng. In Bombay ist Alkoholverbot, und sie fahnden ständig nach verstecktem Schnaps.
Dass wir so problemlos durchkamen, verdanken wir ebenfalls Tante. Der Chef der Zollstelle erkannte sie, denn sein Vater war ihr Gefängniswärter gewesen, damals im Kampf gegen die englischen Kolonialherren. Er war überaus freundlich und brachte Tee und Coca-Cola. Für einen Zollbeamten ist das sehr entgegenkommend.
Unser Gepäck wurde ins Auto verladen. Einfach herrlich, für alles Leute! Nichts mehr zu schleppen. Wenn ich da an Rostock denke …
Wir fuhren zu unserer Unterkunft, wo wir bis zu unserem Abflug nach New Delhi am Samstagabend wohnen werden.
Diese Wohnung – das könnt ihr euch nicht vorstellen: Es ist NUR! die Zweitwohnung eines guten Freundes von Tante. Er lebt in Delhi und hält sich diese große, schöne Wohnung, falls er oder seine Freunde mal nach Bombay kommen. Herrlich eingerichtete Räume mit Klimaanlage. Das Schlafzimmer in Zartlila mit einem Bett, wie es Louis der Dreizehnte wohl gehabt hat. Und mit Butler!
Wir leben hier also wie die Fürsten und werden bedient, was mir noch etwas komisch vorkommt. Den ganzen Tag über steht uns außerdem ein Auto zur Verfügung. Wir waren ein bisschen spazieren, essen und für mich Sandaletten kaufen, da meine bald auseinanderfielen…
Heute Abend sind wir zu einem Dinner eingeladen. Ich ziehe mein weißes Spitzenkleid an. Sieht sehr gut aus, weil ich schön braun bin. Ihr würdet staunen.
Eure Briefe habe ich gelesen – vielen, vielen Dank. Bitte schreibt nicht wieder, dass ihr an uns denkt. Ich musste gleich heulen.
Jetzt muss ich aufhören und werde dann aus Delhi einen ganz, ganz langen Bericht schreiben.
Teil III · Spurwechsel
Alles auf Anfang – Mit zweihundert Dollar ins neue Leben
Mit zweihundert Dollar begann mein neues Leben. Mehr hatte ich nicht, als ich das Flugzeug verließ. In meiner Hand eine kleine Tasche: ein paar Kleidungsstücke, etwas Kosmetik, das Allernötigste, um nicht völlig haltlos zu sein. Die Reisetasche war als Handgepäck nicht akzeptiert worden und nach London unterwegs. Ich vertraute darauf, dass sie mich irgendwann wiederfinden würde.
Doch das Entscheidende lag nicht hinter mir, sondern vor mir: die Passkontrolle. Mein Herz schlug bis in den Hals, als ich meinen DDR-Pass über den Schalter reichte. Würde man mich einfach durchlassen? In meinem Kopf liefen Szenarien ab – Fragen, Prüfungen, Lager.
Stattdessen: Sekunden.
„Auf der Durchreise?“ „Ja. Nach Worms, zu Freunden.“
Ein Blick, ein Stempel, ein höflicher Wunsch für den Aufenthalt.
So einfach? Ich hätte doch eine Spionin sein können. In der DDR hätte man mich festgesetzt, überprüft, seziert. Die Angst, die mich begleitet hatte, löste sich dennoch nicht sofort. Sie hing mir noch an wie Staub.
Mit dem Mut der Verzweiflung war ich im Westen angekommen. Und was tut ein DDR-Mensch als Erstes? Bleibt stehen und schaut. Schaufenster. Auslagen. Überfluss. Schon die Gerüche waren anders. Freiheit konnte man hier riechen. Nicht den grauen DDR-Mief, sondern etwas, das ich nur aus den Intershops kannte: Seife, Parfüm, Waschmittel – Versprechen.
Ich war zu müde, um zu denken. Zu erschöpft, um zu planen.
Dann die Durchsage: „Mrs. Britta von New Delhi, bitte zur Information.“
Ich erschrak. Dort wartete ein Anruf von Surinder, dem Bruder meiner indischen Freunde. Sie konnten mich erst gegen acht abholen. Drei Stunden warten. Ich war hungrig, leer, ausgelaugt.
Als sie endlich kamen, fuhren wir nicht sofort nach Worms. Wir machten Halt bei James, einem amerikanischen Sergeanten, der ihr Baby betreut hatte. Er sah mich aufmerksam an, als wollte er verstehen, was für eine Geschichte da vor ihm stand. Vermutlich war ich die erste Ostdeutsche in seinem Leben. In den nächsten Tagen zeigte er mir die Stadt, kochte für mich, hörte mir zu. Ich nahm diese erste Geborgenheit dankbar an.
Dann begann der Ernst. Behördengänge. Anmeldungen. Erklärungen.
Im Einwohnermeldeamt stand ich vor zwei Türen: Deutsche und Ausländer. Für mich war klar, wo ich hingehörte. Die DDR war für mich ein eigener Staat. Also stellte ich mich bei den Ausländern an. Man erklärte mir, ich sei Deutsche. Ich müsse zur anderen Tür.
Verwirrt legte ich meinen Pass auf den Tresen. Die Angestellte zog zwei Formulare hervor. Ich solle sie ausfüllen, zwei Passbilder mitbringen. Das war alles.
So einfach? Kein Lager? Keine Befragung?…
Der nächste Weg führte mich zum Arbeitsamt. Die Sachbearbeiterin betrachtete meinen grünen DDR-Sozialversicherungsausweis – das einzige Dokument, das meine Ausbildung zur Schriftsetzerin belegte. Zeugnisse hatte ich nicht mit nach Indien genommen. Arbeit in Worms gab es nicht. Arbeitslosengeld? fragte ich vorsichtig.
Ihr Blick traf mich hart. „Ihr aus der DDR glaubt, ihr könnt einfach hierherkommen und wir bezahlen euch von unseren Steuern?“
Sie ließ mich im Flur warten. Ich saß dort und zwang mich, nicht zu weinen. Nein, diesen Triumph würde ich niemandem gönnen…
Am Abend saß ich auf meinem Bett. Brot, Käse, Äpfel neben mir. Müde bis in die Knochen. Und doch unbeugsam. Noch heute frage ich mich, woher diese Kraft kam. Vielleicht Trotz. Vielleicht Überlebenswille.
So begann mein Leben im Westen. Still. Unspektakulär. Und nicht frei von Angst…
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